Ein Jahr nach Centrum – über Clubkultur in Erfurt

Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung. Und im letzten Jahr hat sich verdammt viel in Erfurt verändert. So ziemlich genau zwölf Monate ist es her, dass sich die Menschen aus der Landeshauptstadt von einer Legende verabschieden mussten. Ostern 2016 begann eine neue Ära. Vergesst die christliche Zeitrechnung – Jahr eins nach Club Centrum ist angebrochen. Die einstige Konstante in Thüringens Nachtleben hatte ein Vakuum in der hiesigen Tanzkultur hinterlassen und ist nunmehr Teil des Erfurter Party-Geschichtsbuchs.

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Kay Uwe Bach, Klaus-Dieter Bretschneider und Andreas Bretschneider (von links)

Begonnen hat das Märchen kurz vor der Jahrtausendwende: Das Centrum öffnete auf dem Flurstück Anger 7 in Erfurt. Andreas Bretschneider, der einstige Besitzer des Clubs, trat an, um seinen Traum zu verwirklichen und den Nachtschwärmern eine neue Heimat zu bieten. Mit der Unterstützung seiner Eltern, die bereits die Erfurter Restaurant-Institution „Double B“ zum Erfolg führten, traute sich der damals 25-Jährige etwas Eigenes aufzuziehen. Durch gute Kontakte zum einstigen Besitzer der Lagerhalle an der Reglermauer, der ihm einen humanen Pachtvertrag vorlegte, und tief greifende Verbindungen in die Erfurter Veranstaltungsszene waren die Grundvoraussetzungen dafür gegeben.

 

„Fünf Mark verlangte ich bei der ersten Veranstaltung“

Zunächst entkernte „Brete“, wie Bretschneider von seinen Freunden genannt wird, die alten Hallen. Innerhalb eines halben Jahres machte er mit viel Hilfe von Unterstützern die Räume konzessionsfähig. Am 16. April 1999 eröffnete das Centrum. „Fünf Mark verlangte ich bei der ersten Veranstaltung für den Eintritt. Es spielte eine Band und ein DJ legte auf“, erinnert sich der heute 42-Jährige. Etwa ein Jahr soll es gedauert haben, bis der Club anlief. Bretschneider investierte viel Zeit und Geld. „Damals fuhr ich selbst kreuz und quer durch Thüringen, klebte Plakate und verteilte Flyer“, blickt er zurück.

Bereits 1999 holte der Nachtclub-Veteran DJ-Größe Richie Hawtin in die Landeshauptstadt. Unterstützt wurde er beim Booking vom Dixon-Musicstore, der ähnlich wie das Centrum die Zeiten nicht überdauerte. „Damals war ich für alles offen“, sagt der 42-Jährige. „ Ich wollte einen guten Musik-Mix für verschiedene Leute anbieten. Ein Treffpunkt für viele Geschmäcker sollte entstehen.“ Und das schaffte Bretschneider auch.

„Das Centrum hatte Strahlkraft über Erfurt hinaus“

Das Centrum stand stets für vielfältige Veranstaltungen. Hip-Hop, Reggae und Rock, Elektro, Darkwave und Breakbeat – alles wurde ausprobiert. Die legendären Depeche-Mode-Partys, „Taste it!“, die Veranstaltung für gleichgeschlechtlich Liebende, Mega-Techno-Feiern auf fünf Floors mit DJ-Größen von nah und fern oder „Spinning Wax On Wednesday“ sind nur einige Formate, die für Furore sorgten – ganz zu schweigen von Lesungen oder Konzerten, die Menschen aus ganz Thüringen anlockten.

1461513_594903203890393_2025424326_n„Das Centrum hatte Strahlkraft über Erfurt hinaus. Leute aus der ganzen Bundesrepublik kamen, um im Club zu feiern“, erinnert sich Bretschneider. „Clueso und die Queens of the Stone Age standen bei mir auf der Bühne, lange bevor sie erfolgreich waren“, fügt er stolz an. „Es war, als wenn du einen Staubsauger anmachst – die Menschen wurden sprichwörtlich ins Centrum gesogen.“

Allerdings sei nicht immer alles eitel Sonnenschein gewesen. Laut Andreas Bretschneider gab es viele Aufs und Abs. Doch stets diente das Centrum den Nachtschwärmern als sicherer Hafen. Weihnachten 2015 erhielt Bretschneider wegen eines Eigentümerwechsels das Kündigungsschreiben. Nach 17 Jahren sah der 42-Jährige dem Ende entgegen. Das Entsetzen in der Thüringer Partygemeinde war groß. Und viele merkten erst, was wegzubrechen droht, als der Club das Aus verkündete.

„Ich hätte mir zu Beginn nicht vorstellen können, dass das Centrum so lange besteht“

Bei den letzten Veranstaltungen von Januar bis April 2016 wurde deshalb noch einmal alles aufgeboten, was ging. „Ich holte alle Wegbegleiter und Freunde mit ins Boot. Wir wollten dem Centrum einen gebührenden Abschied nicht verwehren“, blickt Bretschneider zurück. Und er wurde nicht enttäuscht: Hundert Meter lange Menschenschlangen am Eingang, bis zum Bersten gefüllte Dancefloors und unumgängliche Einlassstopps sprechen für sich.

Alle wollten sich verabschieden. So ging der Club mit einem Knall. „Ich hätte mir zu Beginn nicht vorstellen können, dass das Centrum so lange besteht“, meint der 42-Jährige. „Es war eine schöne Zeit, doch jetzt blicke ich nach vorne.“ Andreas Bretschneider nahm sich im vergangenen Jahr eine Auszeit, machte Urlaub, half seinen Eltern im „Double B“ und sammelte Kraft, denn der ehemalige Nachtclubbesitzer Bretschneider will es noch einmal wissen. „Ich möchte für Erfurt etwas schaffen und mich damit weiter entwickeln“, sagt der 42-Jährige, der einen neuen Leuchtturm der Veranstaltungskultur in der Landeshauptstadt plant. „Es soll vielfältig werden. Ich möchte der Kultur und den Nachtschwärmern wieder eine strahlkräftige Heimat geben.“

„Wir sind mit den Investoren bereits in Kontakt getreten“

Eigentlich wollte Andreas Bretschneider das alte Heizwerk in Erfurt als neue Bastion der Abend-Kultur etablieren. Doch eine Investmentgemeinschaft bekam im März den Zuschlag für die Immobilie unweit des Doms. „Wir sind mit den Investoren bereits in Kontakt getreten, um gemeinsame Schnittmengen auszuloten. Das erste Gespräch ist positiv verlaufen und wir haben uns über eine Zusammenarbeit ausgetauscht. In wie weit ein zukünftiges Engagement erfolgen kann, bleibt aber erst einmal abzuwarten“, sagt der ehemalige Centrum-Besitzer, der sich von diesem kleinen Rückschlag bestimmt nicht ins Bockshorn jagen lässt. Die Erfurter und Thüringer können noch einiges von ihm erwarten. Und in der Zwischenzeit haben Nachtschwärmer die Möglichkeit, die kulturellen Entwicklungen in der Landeshauptstadt zu genießen. Denn es hat sich ein Jahr nach Club Centrum so einiges getan.

Neue und alte Clubs geben sich alle Mühe, um das Vakuum in der hiesigen Tanzkultur zu füllen – allen voran die Jungs vom ,,Kalif Storch“. In ihren Hallen am Erfurter Güterbahnhof bringen sie den Puls der Nachtschwärmer auf Hochtouren. Ob Tanz, Theater, Kino, Lesung oder Konzert – alles wird verwirklicht.

Rock- oder Hip-Hop-Partys zwischen Kickertischen

Ähnlich hält es auch das Klanggerüst. Die Villa in Erfurts Norden bietet Raum für allerlei Kunst. Der Klanggerüst-Verein öffnet Nischen im herkömmlichen Abendprogramm. 8-Bit-Party mit Videospielcharakter, Bassjump – die Drum‘n‘Bass-Party oder die traditionellen traditionellen Jam-Sessions, die im März zehnjähriges Jubiläum feierten, sind nur Bruchteile der Veranstaltungspalette.

In unmittelbarer Nähe erfreut der Club ,,Frau Korte“ im Nordbahnhof die Gemüter mit einem facettenreichen Angebot, das mit Funk, House oder kleinen Club-Konzerten auch den letzten Couchpotato hinterm Ofen vor lockt. Alternativ geht es ebenso im Kickerkeller in der Erfurter Johannesstraße zu. Rock- oder Hip-Hop-Partys zwischen Kickertischen sind dort keine Seltenheit. Und alles immer unter dem Aspekt, neue Kämpfer für den „Skullpower Kickerclub“ zu finden, der mittlerweile in überregionalen Tischfußballturnieren brilliert. Einen Steinwurf entfernt konnte sich eine Galerie der besonderen Art etablieren. Im Retronom bewundern Kulturliebhaber die Werke von jungen Künstlern, während sie zu Hip-Hop oder Jazz-Beats auf den Abend anstoßen.

Es herrscht keine Trauerstimmung unter jungen Party-Machern

Veranstaltungen aller Art finden auch im Stadtgarten eine Heimat. Egal ob Konzert, Balkan-Dance-Fete oder Elektroparty – im Dalbergsweg findet jeder Topf seinen Deckel. Ähnlich sieht es in der Engelsburg aus. Der neue Betreiber holt am 7. April Indiemusik-Größen, wie die „Kytes“ in die Landeshauptstadt. Zum Tanz bitten die neuen Hausherren danach im Club Engelsburg, wo bestimmt auch in den kommenden Monaten Elektrobeats, Eurodance und Independentmusik das Trommelfell massieren. Kulturtechnisch bietet auch das Café „Franz Mehlhose“ viel. Seit Jahren offeriert der Veranstaltungsort in der Löberstraße Konzerte und Lustbarkeiten aller Art.

Es kann wahrlich nicht behauptet werden, dass Trauerstimmung unter jungen Party-Machern herrscht. Veranstalter mit neuen Ideen schicken sich an, das Erfurter Nachtleben zu bereichern. Seit Februar können Technoliebhaber im Club ,,Herr Schröder“ in der Paulstraße die Füße bewegen. In der Leipziger Straße offeriert ,,Der Hof“ ein kunterbuntes Programm für die nach Spaß lechzende Meute. Und in der „Wilden Hilde“ in der Futterstraße verschmelzen Club-Sounds und Bar-Ambiente zu farbenfrohen Abendveranstaltungen.

Die Zukunft für Erfurts Nachtschwärmer sieht nicht so trist aus, wie man denken mag. Denn mit der ,,Hell-Arena“, einem laut Facebook neuem Club, der im Mai eröffnen soll, steht bereits ein weiterer Mitbewerber, der um die Gunst der Partygemeinde buhlt, in den Startlöchern. Ein Jahr nach Club Centrum kann von einem vorherrschenden Veranstaltungsvakuum nicht die Rede sein. Denn die Leidenschaft vieler Akteure sowie die Liebe zu Musik, Kultur und Kunst machen Erfurt bunt, vielfältig und garantiert nicht langweilig.Centrum Banner

 

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