Jennifer Rostock spricht über Feminismus, neue Musik und Thüringen

Im vergangenen Jahr hat die Band Jennifer Rostock ihr fünftes Album veröffentlicht. Auf „Genau in diesem Ton“ zeigen sich die fünf Musiker einmal mehr vielseitig und mit Mut zu klaren Worten. Kein Wunder, dass sie mit ihrem aktuellen Werk bis auf Platz zwei der deutschen Albumcharts kletterten. Am 18. Februar wird Jennifer Rostock – die übrigens gerne auch mal einen Klopfer beim Musizieren trinken – mit ihrer Platte im Gepäck auch nach Erfurt kommen und die Thüringenhalle zum Beben bringen. Ich habe vorab mit Sängerin Jennifer Weist, Keyboarder Joe Walter und Bassist Christoph Deckert über Musik, politisches Engagement und weibliche Pferde gesprochen.

2016 ist vorbei. Für viele Musikfans war es ein Jahr, das uns viele große Künstler und Musiker genommen hat. Wie blickt ihr auf das vergangene Jahr zurück?

Das Dahinscheiden von Megastars im hinteren Lebensdrittel war vermutlich das geringste Problem 2016. Aber zumindest für ein Großteil der Social-Media-Population eine willkommene Abwechslung, um ein bisschen in Nostalgie zu baden. Das können wir auch niemandem verübeln, das letzte Jahr war in vielerlei Hinsicht zum Wegschauen. Mit Trump wollen wir gar nicht erst anfangen. Hierzulande gibt es genug Baustellen, um sich an die eigene Nase zu fassen. Rassismus, Sexismus und ähnliche Phänomene, die wir eher auf dem Weg der Überwindung sahen, sitzen wieder fest im Sattel der Alltäglichkeit. Es gibt viel zu tun und wir haben versucht, unseren bescheidenen Beitrag zu leisten. So soll es 2017 auch weitergehen.

Ihr tretet im Februar in Thüringen auf. Das ist nicht das erste Mal, dass ihr hier seid. Was assoziiert ihr mit unserem beschaulichen Bundesland?

Bestimmt keine Beschaulichkeit. Ob es an uns oder dem Thüringer als solches lag, ist im Nachhinein schwer zu sagen, aber hinter der einen oder anderen Fachwerkfassade scheint es mächtig zu lodern! Einzig das sogenannte Tanzverbot machte uns als Berlinern hier und da mal zu schaffen, wenn’s nach dem Konzert noch ein Feierabendgetränk geben sollte. Das kann selbst bei der größtmöglichen Toleranz für irgendwelche religiösen Gefühle langsam mal weg! Und Jennifers Großeltern kommen aus Sonneberg, weshalb sie die Hälfte ihrer Kindheit auch in Thüringen verbrachte. Heimspiel quasi.

Habt ihr hier schon mal Sightseeing gemacht und wenn nicht, was würdet ihr hier gerne mal sehen oder ausprobieren? Es gibt hier übrigens auch gute Klopfer mit ganz besonderen Schnäpsen von regionalen Brennereien – wär das was?

Wenn Letzteres schon als Sightseeing zählt, dann haben wir schon was gesehen! Ansonsten kommt man als Band tagsüber kaum dazu, sich die Umgebung außerhalb des Veranstaltungsortes anzuschauen. Der Zeitplan ist meist strikt und wir sind froh, wenn man mal eine Stunde in Ruhe im Internet hängen kann. Aber da schauen wir uns eure Attraktionen mal an, versprochen!

In eurem aktuellen Album „Genau in diesem Ton“ zeigt ihr euch facettenreich. Neben Pop-Rock, Punkrock und Hardcore macht ihr darauf sogar einen kurzen Abstecher ins Hip-Hop-Genre. Irgendwie glaube ich auch 90er Eurodance-Anspielungen (Uns gehört die Nacht) zu erahnen. Kann das sein? Was inspiriert euch?

Oh, Glückwunsch, mit der Eurodance-Referenz bist du tatsächlich der Erste, dem das auffällt … Es ist so: Jeder von uns fünf hat einen völlig anderen Musikgeschmack, den er oder sie mit auf die Proben schleift. Im Großen und Ganzen decken wir eigentlich jedes existierende Genre ab. Außer Ska, auch wir haben Prinzipien. Der Jennifer Rostock Sound entsteht im Schmelztiegel zwischen den Welten. Joe, unser Schreiberling, hört gerne die großen Popmelodien und unser Schlagzeuger spielt in erster Linie Punk. Irgendwo in der Mitte wird dann ein Album ausgebrütet.

Da wir gerade bei Hip-Hop-Einflüssen waren. Laut Duden heißt ein weibliches Pferd Stute. Warum nennt ihr euren aktuellen Hit „Hengstin“?

Aus genau diesem Grund. Wir wollen damit überholte Rollenbilder aufbrechen. Frauen haben nach wie vor viel weniger Karrierechancen, mit krasseren Vorurteilen zu kämpfen und verdienen immer noch weniger Geld als Männer. Nur wenige Führungspositionen sind mit Frauen besetzt. Aber gerade deshalb ist es für Frauen wichtig, selbstbewusst und eigenständig zu sein, keinem Hengst hinterherzurennen, sondern selber eine Hengstin zu sein.

Nicht nur für den Feminismus macht ihr euch stark, sondern auch für sozial Schwache. Gerade erst habt ihr einen Song für die Obdachlosenhilfe bereitgestellt und sammelt fleißig Spenden. Wie kam es dazu, was ist das für ein Projekt?

Wo wir wieder bei unseren bescheidenen Mitteln wären. Wir sind nur eine Band und keine politische Kraft. Trotzdem brennen uns einige Themen unter den Nägeln und da versuchen wir, in unserem Rahmen zu helfen. Dieses Projekt haben wir schon im Vorjahr gestartet, da sind wir durch Berlin gefahren und haben Klamotten und Geld gesammelt. 2016 wollten wir „Warme Füße für alle“ etwas größer aufziehen und haben zusammen mit Grossstadtgeflüster einen Song geschrieben, der gegen eine Spende nach Wahl zu haben war. Es kommt jetzt bestimmt deutlich weniger zusammen, als vielleicht bei größeren Spendengesuchen, aber wir konzentrieren uns immer auf kleine lokale Projekte, und für die zählt wirklich jeder Cent.

Politisch zeigt ihr klare Kante. Bei Facebook habt ihr im vergangenen Jahr einen Song über die AfD veröffentlicht. Und gerade in Thüringen scheint die Partei bei vielen Menschen Anklang zu finden, nicht zuletzt wegen Björn Höcke, der im Vorstand des Thüringer AfD-Landesverbandes ist und mit zahlreichen Demonstrationsreden in Erfurt für Aufregung sorgte. Was würdet ihr den verunsicherten Thüringern diesbezüglich mit auf den Weg geben?

Eben nicht verunsichern lassen. Selbst in den Ländern, in denen die AfD mit vermeintlichen Pauken und Trompeten in die Landtage gezogen ist, bildet deren Wählerschaft weiterhin die Minderheit. Und das deutlich. Das fühlt sich manchmal anders an, weil diese Partei und ihre Anhängerschaft gerne lauter brüllen als alle anderen, aber das ist ein Zerrbild der realen Verhältnisse. Wenn du Leute kennst, die noch nicht zu den Brüllern gehören, aber von denen mit dieser Grundangst vor allem Fremden und Neuen infiziert wurden: Rede mit denen, bevor sie abdriften. Die Argumente sind auf deiner Seite.

Gibt es etwas, auf das sich eure Fans 2017 besonders freuen können?

Ja! Wir wollen auch nicht wie tiefsinnige Grübler rüberkommen! Es gibt auch noch jede Menge schöne Dinge im Leben! Also erstmal spielen wir Konzert ohne Ende, wir kommen plusminus in jede Ecke und freuen uns über euren Besuch. Aber noch wichtiger: Wir feiern dieses Jahr unser zehnjähriges Bandbestehen, da kommt bestimmt noch etwas angerollt!

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